Was mache ich eigentlich hier?
Auf die Gefahr hin einen sehr textlastigen Eintrag zu verfassen, habe ich beschlossen dieses Mal über meine typische Arbeitswoche zu berichten. Um es kurz zu fassen: "Was mache ich eigentlich hier?"
Bevor ich mit den verschiedenen Arbeitstagen beginne, kurz zu den Rahmenbedingungen. Jeder Tag, außer Mittwoch und Sonntag, beginnt mit einer Morgenmesse um 6:00, es ist schwer festzulegen, ob das jetzt zu meiner "Arbeitswoche" oder zu meiner Freizeit gehört, denn eigentlich ist es (zumindest laut Vertrag) nicht verpflichtend. Am Anfang unseres Einsatzes wurde uns jedoch sehr deutlich ans Herz gelegt, an den Aktivitäten der Gemeinschaft mit der wir zusammenleben teilzunehmen. Und dazu gehört nun mal auch die Morgenmesse. Zusätzlich dazu gibt es jeden Tag um 19:00 vor dem Abendessen ein Abendgebet, für dieses gilt dasselbe, wie auch für die Morgenmesse. Das klingt jetzt erst einmal nach ganz schön viel Kirche und Beten und wenn ich ehrlich bin ist es das auch. Dass das, vor allem am Anfang, eine ziemliche Umstellung war ist keine Frage, mittlerweile haben wir uns jedoch schon gut damit arrangiert. Dieser ganzen Thematik mit Kirche und Religion in unserem Alltag würde ich jedoch gerne mal einen eigenen Eintrag widmen, da dies jetzt den Umfang sprengen würde. Außerdem wollte ich ja von meiner Arbeitswoche berichten.
Der allzu verhasste Montag hat, seit ich hier in Ebolowa bin, einiges an Schrecken verloren, jeden Wochenstart kann ich nämlich meinen gemütlichen, freien Tag genießen. Bis 18 Uhr habe ich gar nichts am Programm stehen und nütze die Zeit um zu entspannen, fehlenden Schlaf nachzuholen, zu lesen, Sport zu machen oder in letzter Zeit auch um den bald anstehenden Urlaub zu planen. Außerdem ist der Montag der einzige Tag an dem ich unbegrenzt ausschlafen kann (an diesem Tag gehen wir nicht zur Morgenmesse), auch das ist bitter notwendig und jede Woche aufs Neue ein großer Genuss. Der einzige Programmpunkt an diesem Tag ist die Lernbetreuung mit den Internatsschülern, diese findet vor dem Abendessen von 18:00-19:00 statt, sowie auch danach von 20:30-21:30. Bei der Lernbetreuung ist es unsere Aufgabe die Internatsschüler zu beaufsichtigen, sowie auch zu unterstützen, sollte es die Nachfrage dazu geben. Xaver und ich haben uns das Unterstützen etwas aufgeteilt, er ist für Mathe, Physik und Chemie zuständig und ich helfe bei allen technischen Fächern und Englisch. Wenn gerade keine Hilfe benötigt wird, schreibe ich entweder Tagebuch oder verbringe die Zeit mit Lesen
Der Dienstag startet in aller Frühe mit der Morgenmesse, nach dem anschließenden Frühstück findet dann das sogenannte "Mot du Matin" statt, um es schnell zu übersetzen, das "Wort des Morgens".Dieses findet jeden Tag vor Schulbeginn statt. Bei diesem spricht der Schulleiter oder andere Verantwortliche der Schule zu der versammelten Schüler*innenschar und versucht diese zum Lernen und zu guter Arbeit zu ermutigen. Danach geht die Schule los, welche für alle Schüler*innen bis 16:00 dauert. Ich jedoch habe noch etwas Zeit um zu lesen oder im allerschlimmsten Notfall (wenn ich die Vorbereitung mal wieder auf die letzte Sekunde verschoben habe) meinen Unterricht vorzubereiten. Ab 11:05 habe ich dann Unterricht im Fach "Schéma Électrique", welcher bis 16:00 dauert. Über meine Erfahrungen als Lehrer, das Unterrichten, sowie auch meine Klasse allgemein, werde ich ein anderes Mal detaillierter schreiben. Wie auch montags, ist Lernbetreuung von 18:00-19:00, sowie von 20:30-21:30.
Am Mittwoch ist um 11:00 am Vormittag Schulmesse. Bei dieser sind alle Schüler*innen und Lehrer*innen anwesend und es wird viel gesungen, geklatscht und Musik gemacht. Begleitet wird der Schulchor immer von mindestens einer Trommel, einem Schlagzeug, einem Klavier und ab und zu begleite auch ich die Musik mit der Gitarre. Von 14:30 bis 18:00 ist dann Jugendzentrum, welches Woche für Woche sehr gut besucht ist und ein abwechslungsreiches Programm für Alle bietet (sowohl für die Kinder/Jugendlichen, als auch für mich). Der Tag wird von 20:30 bis 21:30 mit der Lernbetreuung beendet.
Donnerstag ist mein vollster Tag, anschließend an das Mot du Matin geht es gleich zu meiner Klasse in den Unterricht. Von 8:00 bis 16:00 gebe ich Unterricht im Fach "Travaux Pratique", also "praktische Arbeit", bei uns bekannt unter Werkstättenunterricht. Dieser macht mir sehr viel Spaß und in vielen Situationen sehe ich mich als Erstklässler in der HTL wieder, wie ich an den (aus heutiger Sicht) einfachen, ersten Werkstättenübungen verzweifle. Abgerundet wird das Ganze durch die obligatorische, abendliche Lernbetreuung. Diese findet, wie auch schon an den Tagen davor, von 18:00-19:00 und von 20:30-21:30 statt.
Freitag Vormittag habe ich, nach Messe und Mot du Matin, nichts am Programm stehen, ab und zu gehe ich ein bisschen in den Ort oder ich bleibe einfach in meinem Zimmer und genieße die Ruhe. Nachmittags, von 12:45 bis 16:00, habe ich wieder Werkstättenunterricht und anschließend findet in den meisten Fällen ein großes Match zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen statt, welches ich mir nur in den seltensten Fällen entgehen lasse. Freitag und Samstag müssen die Internatsschüler nicht lernen, daraus ergibt sich, dass auch der Xaver und ich freie Abende haben. Diese verbringen wir jedoch häufig trotzdem mit den Internatsschülern, wir vertreiben uns die Zeit mit Gesprächen, Spielen oder manchmal auch musizieren.
Samstag startet erst eine halbe Stunde später als sonst mit der Morgenmesse um 6:30. Der Vormittag ist laut meinem Plan eigentlich frei, es hat sich jedoch so eingebürgert, dass ich zu dieser Zeit in der Woche diverse Tätigkeiten in der Haustechnik erledige. Sei es irgendwelche Sicherungen auszutauschen, neues Licht zu installieren oder auch einfach die Waschmaschine richtig anzuschließen. Ich habe mich mittlerweile überhaupt schon als der "Haustechniker" herauskristallisiert, wenn irgendwo irgendwas kaputt wird, was auch nur annähernd mit Technik zu tun hat, werde ich darum gebeten es zu reparieren. Ab und zu ist das etwas nervig, vor allem wenn man sich auf einen freien Vormittag gefreut hat, im Großen und Ganzen macht mir diese Tätigkeit aber auch sehr Spaß und ich möchte sie nicht missen. Der Nachmittag ist von 14:30 bis 18:00 mit dem Jugendzentrum belegt und am Abend gibt es noch die Möglichkeit, gemeinsam mit den Internatsschülern einen Film zu schauen.
Sonntag Früh verbringen wir bei einer Messe im Gefängnis und am Nachmittag von 14:30 bis 17:30 steht das Oratorium am Programm. Das ist im Grunde genommen dasselbe wie das Jugendzentrum, an diesem Tag wird der Fokus jedoch auf die Kleinsten gelegt und das Programm dementsprechend auf sie zugeschnitten. Eindeutig ein Highlight meiner Woche. Von 19:00 bis 21:30 wird sich im Rahmen einer Lernbetreuung schon wieder auf die neue Schulwoche eingestimmt.
Ich hoffe, dass der Text nicht allzu langwierig und trocken geworden ist und außerdem, dass ich noch einige nette Fotos zur Auflockerung gefunden habe. (Wenn im Anhang an diesen Blog einige zu sehen sind, war ich erfolgreich). So sieht also meine typische Arbeitswoche aus, das Programm ist ziemlich füllend, ich habe jedoch trotzdem immer wieder Möglichkeit ein bisschen auszuruhen, zu entspannen oder mich anderen Dingen zu widmen. Was ich sehr ansprechend finde ist, dass ich im Zuge dieser Erfahrung so viele verschiedene Rollen einnehmen darf. Ich bin als Lehrer, als Elektriker/Techniker, als Freund/Animateur im Jugendzentrum und Oratorium, sowie auch als Aufsichtsperson tätig und gerade dieser Mix an facettenreichen Aufgaben ist es, der mir soviel Spaß macht.
