Im Gefängnis

27.10.2019

Keine Sorge, von dem zugegebenermaßen etwas irreführenden Titel könnte man leicht die falschen Schlüsse ziehen. Ich bin aber nicht, wie die Überschrift eventuell vermuten lässt, im Gefängnis, sondern darf weiterhin auf freiem Fuß leben. Allerdings begleiten Xaver und ich jeden Sonntag den Projektleiter Père Artur, um eine Messe im Gefängnis zu halten. Diese Tätigkeit wird ganz im Sinne Don Boscos abgehalten, welcher sich nicht nur für die Jugend eingesetzt hat, sondern auch für die Armen und aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen. Mittlerweile ist das Ganze schon ziemlich alltäglich, sofern so etwas je alltäglich werden kann. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie viel Zeit ich anfangs nach jedem Gefängnisbesuch gebraucht habe, um mich wieder zu sammeln und die ganzen Erfahrungen zu verarbeiten. Zum jetzigen Zeitpunkt dauert das Ganze schon etwas kürzer, nimmt einen aber teilweise immer noch etwas mit und führt drastisch vor Augen, welche Privilegien wir besitzen. Wenn man sich die Lebenssituation der Menschen im Gefängnis anschaut, kommen einem die eigenen Probleme und Sorgen teilweise ziemlich lächerlich vor, so ging es mir zumindest. Leider ist auf dem gesamten Gefängnisgelände absolutes Fotografier- und Filmverbot, ohne Fotos sind die Umstände die dort herrschen jedoch nicht so gut vorstellbar. Trotzdem werde ich versuchen, die Umgebung etwas zu beschreiben. Das Gefängnis liegt ziemlich in der Nähe des Projekts, mit dem Auto sind es circa 5 Minuten. Beim Eingang muss der Reisepass abgegeben werden und es wird überprüft, dass keine verbotenen Gegenstände mitgenommen werden. Das ganze Gelände ist im Grunde genommen ein kleiner Innenhof, der immer gesteckt voll mit Menschen ist. An den Außenwänden dieses Innenhofs sind kleine Zimmer mit einigen Stockbetten darin, es wird jedoch ziemlich schnell klar, dass es sich keinesfalls ausgehen kann, dass jeder Insasse in einem Bett schläft. Und das wars auch schon, es gibt keinerlei Form irgendeiner Beschäftigung oder Ablenkung. Nichtsdestotrotz herrscht reges Treiben, überall wird irgendetwas gearbeitet, es werden Taschen aus alten Reis-Säcken kreiert, es werden kleine Möbel aus Sperrholz gefertigt oder es werden Nüsse geknackt, die später gekocht und gegessen werden. Die Messe ist gut besucht, sie findet aus Platzgründen auch im Innenhof statt. Es gibt einen eigenen Chor, welcher voller Leidenschaft und lautstark singt, außerdem wird viel geklatscht und getanzt. Beim Verabschieden werden einem immer einige kleine Zettel zugesteckt, auf denen um etwas Geld, neue Schuhe oder ähnliches gebeten wird. Es fällt schwer diesen Wünschen nicht nachzukommen, da es sich umgerechnet um Summen von rund einem Euro handelt, uns wurde jedoch strengstens davon abgeraten, denn beginnt man einmal, wird man nicht mehr losgelassen und es spricht sich schnell im Gefängnis herum, so wurde uns zumindest gesagt. Vielleicht kann man im Laufe des Jahres mal eine etwas größer angelegte Sammelaktion starten um Kleidungsstücke und ähnliches für die Gefängnisbewohner zu sammeln.

Nun noch zu einem etwas erfreulicheren Thema. Letztes Wochenende war der Geburtstag von Xaver. An diesem Tag wurde viel gefeiert, gegessen, das eine oder andere Getränk zu sich genommen, eine Torte verspeist, ein Sektkorken geknallt, ein Geschenk übergeben und eine Reihe von schönen Reden gehalten. Es hat mich sehr berührt, wie viel Freude und Liebe investiert wurde um diesen Tag für Xaver unvergesslich zu machen. Alle waren gut gelaunt und diese ganze Freude hat schnell auch auf einen selbst abgefärbt. Zur Feier des Tages haben sich die beiden maîtres de la cuisine wieder zusammengetan um etwas zu kochen. (Für alle die bei maître de la cuisine nicht gleich an Xaver und mich denken, ja damit meine ich uns ;) ). Dieses Mal haben wir uns dazu entschlossen Gulasch mit Semmelknödel anzurichten. Zu diesem Zweck gingen wir am Vormittag auf den Markt in Ebolowa um alle Zutaten zu besorgen, das war wirklich ein Erlebnis, überall wurde verhandelt, angepriesen und die unterschiedlichsten Sachen wurden verkauft. Mit all den Zutaten begannen wir schließlich alles vorzubereiten und zu kochen und wie beim ersten Mal kam auch der Spaß in der Küche nicht zu kurz. Diesmal funktionierte alles reibungslos und als das Mahl fertig zum Anrichten war, konnten wir selbst nicht ganz glauben, dass alles so gut funktioniert hat. Vielleicht entwickeln wir uns ja wirklich noch zu guten Köchen. Das Gulasch, sowie auch die Knödel wurden schmatzend und mit einem breiten Grinsen genossen und wir bekamen viele lobende Worte. Xaver und ich nahmen uns auch eine große Portion und allein deswegen hätte es sich schon ausgezahlt. Der ganz charakteristische Geschmack des Gulasch entfaltete sich und es breitete sich ein angenehmes Heimatgefühl aus. Gesättigt und glücklich ließen wir den Abend zu zweit ausklingen, wir saßen noch lange beisammen und waren uns einig, wie glücklich wir uns schätzen können hier zu sein!

© 2019 Sebastian Suer
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